Kirchenglocken: Lärmbelästigung von oberster Stelle?

Kirchenglocken: Eine Lärmbelästigung liegt im Allgemeinen nicht vor, wenn es sich im liturgisches Läuten handelt.
Kirchenglocken: Eine Lärmbelästigung liegt im Allgemeinen nicht vor, wenn es sich um liturgisches Läuten handelt.

Kirchen sind in Deutschland in so gut wie jedem Ort zu finden. Oftmals stellen sie das Dorf- oder Stadtzentrum dar und dienen als markante Orientierungspunkte. Städte beherbergen zudem Gotteshäuser verschiedener Konfessionen, so auch verschiedene Kirchen. Zu einer Kirche gehört in der Regel dann auch ein Kirchturm mit Glocken.

Schlagen diese zum Gottesdienst oder um die Uhrzeit anzugeben, ist dies eigentlich nichts Ungewöhnliches. Doch bei einigen Anwohnern gelten Kirchenglocken als Lärmbelästigung.

Kann das sein, wenn die Glocken doch eigentlich zum alltäglichen Leben in Deutschland dazu gehören? Wann Kirchenglocken eine Lärmbelästigung sind, welche Urteile es in diesem Zusammenhang gibt und was Anwohner diesbezüglich wissen sollten, betrachtet der nachfolgende Ratgeber näher.

FAQ: Kirchenglocken als Lärmbelästigung

Können Kirchenglocken als Lärmbelästigung gelten?

Ja, auch das Läuten von Kirchenglock kann unter Umständen als Lärmbelästigung gewertet werden. Grundsätzlich handelt es sich jedoch immer um eine Einzelfallentscheidung.

Welche rechtliche Grundlage gibt es für eine Entscheidung?

Auch bei Kirchenglocken gelten die Richtwerte und Vorgaben des Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) sowie der TA Lärm.

Wird zwischen verschiedenen Arten des Läutens unterschieden?

Um zu bestimmen, ob Kirchglocken eine Lärmbelästigung darstellen, wird zwischen dem liturgischen Läuten und dem Zeitschlagen unterschieden. Worin der Unterschied besteht, erfahren Sie hier.

Kann eine Lärmbelästigung durch Kirchenglocken bestehen?

Das Läuten von Kirchenglocken kann sowohl subjektiv als auch objektiv eine Lärmbelästigung darstellen. Subjektiv empfinden Anwohner oftmals das ständige Anzeigen der Zeit durch die Glocken als störend, auch die Lautstärke der Glockenschläge spielt hier eine Rolle. Doch wann können Betroffene auch objektiv von einer Lärmbelästigung durch Kirchenglocken ausgehen?

Eine Lärmbelästigung durch Kirchenglocken fällt Regelungen des BImSchG.
Eine Lärmbelästigung durch Kirchenglocken fällt unter die Regelungen des BImSchG.

Grundsätzlich kann eine Belästigung vorliegen, wenn erhebliche Geräuschemissionen von den Glocken ausgehen und bestimmte Messwerte im Dezibel-Bereich überschritten sind. Wann Lärm als schädliche Geräuschemission gilt, bestimmt das Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG). Darüber hinaus gilt die Verwaltungsvorschrift „Technische Anleitung zum Schutz gegen Lärm“ (TA Lärm).

Wann liegt nun eine Lärmbelästigung durch Glocken vor?

Um zu ermitteln, ob Glocken zu laut läuten, werden in der Regel die Grenzwerte der TA Lärm herangezogen. Für die  Zumutbarkeit des Läutens spielt neben der Laustärke auch die Art die Störung eine Rolle. Geschieht das Läuten regelmäßig den gesamten Tag über oder nur zu bestimmten Zeit, beeinflusst das die Entscheidung darüber, ob die Kirchenglocken tatsächlich eine Lärmbelästigung bedeuten oder nicht.

Es wird zwischen dem sakralen oder liturgischen Läuten (zum Gottesdienst) und dem Zeitschlagen unterschieden. Bei Ersterem existiert ein eventueller Rechtsweg für die zuständigen Verwaltungsgerichte, bei Letzterem müssen sich Betroffene an ein Zivilgericht wenden. Das Zeitschlagen z. B. jede Viertelstunde hat zudem einen weltlichen und keinen kirchlichen Hintergrund.

Das Bundesverwaltungsgericht hat bezüglich des liturgischen Läutens bereits 1996 entschieden, dass ein solches regelmäßig an sich keine Lärmbelästigung darstellt (BVerwG, 02.09.1996, Az.: 4 B 152/96). Im vorliegenden Fall läuteten die Glocken dreimal täglich. Das Gericht entschied gleichzeitig allerdings auch, dass die Lautstärke entscheidend dafür ist, ob die Kirchenglocken eine Lärmbelästigung bedeuten oder zumutbar sind. Beim betroffenen Anwohner, dessen Wohnhaus 10 Meter vom Kirchturm entfernt stand, wurden ein Beurteilungspegel von 66,6 dB(A) sowie ein sogenannter Wirkpegel von 80,2 dB(A) gemessen. Beide Werte betrachtete das Gericht nicht als ausreichend für eine Lärmbelästigung, auch wenn diese die Vorgaben der TA Lärm überschritten.

Sofern die Immissionen durch das Läuten nur kurzzeitig über den Grenzwerten liegen, erachten Gerichte dies als zulässig. Darüber hinaus gilt das liturgische Läuten der Kirchenglocken nicht als Lärmbelästigung, da es als „Akt freier Religionsausübung“ anzusehen ist.

Geräuschimmissionen durch liturgisches Glockengeläute der Kirchen im herkömmlichen Rahmen sind regelmäßig keine erhebliche Belästigung im Sinne des § 3 Abs. 1 BImSchG, sondern eine zumutbare, sozialadäquate Einwirkung. (BVerwG 07.10.1983, Az.: 7 C 44/81

Lärmbelästigung durch das Zeitschlagen

Das Zeitschlagen kann eine Lärmbelästigung durch Kirchenglocken bedeuten.
Das Zeitschlagen kann eine Lärmbelästigung durch Kirchenglocken bedeuten.

Anders kann es aussehen, wenn sich die Belästigung durch das Zeitschlagen der Kirchenglocken ergibt. Dies gilt üblicherweise nicht als schützenswert und besitzt auch keinen Sonderstatus. Das Zeitschlagen hat zudem in der Regel auch keinen gesellschaftlichen Nutzen mehr bzw. stellt auch keine kirchliche Funktion dar. Daher unterliegen die Geräuschimmissionen hier den Vorgaben der TA Lärm und des BImSchG.

Das bedeutet unter anderem, dass Richtwerte der TA Lärm am Tag maximal um 30 dB überschritten werden dürfen. Nachts ist dies sogar nur um 20 dB zulässig. Kirchenglocken können als Lärmbelästigung gelten, wenn das Zeitschlagen die Richtwerte deutlich und dauerhaft überschreitet. Letztendlich handelt es sich jedoch immer um eine Einzelfallentscheidung.

Quellen und weiterführende Links

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Kirchenglocken: Lärmbelästigung von oberster Stelle?
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  • Meier, K. 21. März 2021, 10:14

    Johanneskirchturm erfurt… sonntags 9 uhr frühs mit gefühlt 100 dezibel…. ich hasse diesen christlichen sonntagswecker. Man kann wegen dem glauben anderer nicht mal ausschlafen, das ist eine zumutung wenn man genau gegenüber wohnt….. schafft dieses drecks geläute ab, das braucht kein mensch!!!!!

    • Ewald F 23. Oktober 2022, 11:40

      Dem stimme ich voll zu. Außerdem nützt die Angabe von Dezibel wenig, wenn nicht bekannt ist, in welcher Entfernung. Es ist ein Unterschied, ob 50 dB in 200 Meter oder in 2 km Entfernung gemessen werden.

      Was überhaupt nicht sein dürfte ist, dass die Gläubigen zur bevorstehenden Messe in der Kirche gerufen werden – und das mindestens 5 Minuten lang in voller Lautstärke im Wohngebiet; natürlich vor und um 6 Uhr am Morgen.
      Ein Sonntag ist die ärgste Lärmbelästigung, da das volle Geläute von mehreren Glocken zugleich am Tag etwa zwanzig Mal erschallt. So wird der einzig freie Tag, der für etwas zum Ausruhen wäre, eine einzige Belästigung.
      Nur weil etliche Leute glauben, da irgendwo im Universum ist ein großer Geist, der alles kann und unser Schicksal mit seiner Zauberkraft bestimmt.

  • Kaiser 5. Februar 2022, 19:38

    Ich wohne von einer katholischen Kirche keine 20m entfernt und empfinde das tägliche geläut, als Lärmbelästigung. Wenn am Sonntag zur Andacht kurz geläutet wird, kann man es akzeptieren. In der heutigen Zeit, leben zuviele ethnische Gruppen aufeinander, miteinander. Wenn jeder dann hier auf seine religiöse Freiheit besteht, im vollem Akt der Darstellung, dann sprengt das den Rahmen. Daher finde ich, das die St. Nikolas Kirche in Wittenau, ein egoistisches, rücksichtslose Verhalten an den Tag legt.

  • Rottstedt 8. Mai 2022, 11:25

    Ich wohne in Königstein und am Sonntag klingelt die Kirchturmglocke ab 9:45 Uhr halbstündig,bis kurz nach 12Uhr, dann alle 2 stündlich, das Geläutert geht ca.10 min.
    Einfach nur haarsträubend,es ist eine Belästigung sondergleichen!!!!!

  • Verdammtes Gebammel 26. Juni 2022, 11:34

    Als ob wir noch im Mittelalter leben würden und keiner sich eine Uhr leisten könnte. Das Läuten der Glocken ist definitiv Lärmbelästigung und Nötigung. Und überhaupt .. es ist auch nicht mehr demokratisch die Kirche oder Gerichte entscheiden zu lassen wenn es in diesem Land mehr konfessionslose es gibt als katholische oder evangelische. Auch die Gerichte werden nicht durch die Kirchen finanziert sondern von den Arbeitern die nicht ausschlafen können weil so eine bescheuerte Tradition unnötigerweise ihm und seiner Familie den Schlaf raubt. Man muss ja nicht gleich gänzlich das gebammel abstellen. Man könnte aber weniger und leiser läuten.

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